Rohrfasen-Geometrien – die richtige Schweißnahtvorbereitung finden
Übersicht für Bauleiter und Planer unserer Kunden: welche Fase gilt in welchem Regelwerk, und wie wählen Sie nach Wandstärke, Zugänglichkeit und Werkstoff die passende Geometrie – inkl. ungleicher Wandstärken und Anbohrungen (Stutzen/Sonden).
Welches Regelwerk gilt in welcher Branche?
Rechtlicher Rahmen in Europa ist die Druckgeräte-Richtlinie PED 2014/68/EU. Sie lässt neben den harmonisierten EN-Normen ausdrücklich gleichwertige Regelwerke zu – deshalb wird branchenabhängig teils nach ASME gefast (Leitfäden: CEN/TR 14549, ISO 15649). Grobe Zuordnung:
- Allg. Industrie-/Anlagenbau, Chemie (konventionell), Fernwärme, HVAC, Maschinenbau → EN 13480 / AD 2000 → Fase nach EN ISO 9692-1.
- Öl & Gas, Raffinerie, Petrochemie, LNG (auch in der EU – meist Betreiber-/EPC-Vorgabe) → ASME B31.3 → Fase nach ASME B16.25 (37,5°).
- Kraftwerk / Power → ASME B31.1 bzw. EN 12952 + EN 13480.
- Fernleitungen / Pipelines → API 1104, ASME B31.4/B31.8; EU-Gas EN 12732 / EN 1594.
- Offshore (Nordsee) → NORSOK / DNV (kombiniert mit ASME/API).
Systematik
Welches Regelwerk schreibt das Projekt / das Land vor? EN ISO 9692-1 (Europa-Standard) oder ASME (typisch Öl&Gas / international)?
Nach Zugänglichkeit (ein-/beidseitig) und Wandstärke t die Fugenform bestimmen – siehe Auswahltabelle.
Öffnungswinkel, Spalt und Steghöhe im Normbereich festlegen; Werkstoff beeinflusst v. a. Winkel/Zugang, nicht die Fugen-Familie.
1 · Differenzierung nach Projektregelwerk
Weil die Geometrie in Europa über EN ISO 9692-1 vereinheitlicht ist, entscheidet für die Fase das Projektregelwerk – nicht die Landesgrenze. Die folgende Tabelle stellt die relevanten Regelwerke mit ihrer aktuellen Ausgabe gegenüber (Stand 2026, ohne Gewähr).
| Projektregelwerk | Typische Branche | Fasen-/Vorbereitungsnorm (akt. Ausgabe) | Winkel-Prinzip | Region |
|---|---|---|---|---|
| EN / PED EN 13480, AD 2000 | Industrie-/Anlagenbau, Chemie, Fernwärme, HVAC, Maschinenbau | EN ISO 9692-1:2013 · Enden: EN 12627 / EN 10253 | α = eingeschlossen (V 40–60°) | EU |
| ASME B31.3 Process Piping | Öl&Gas, Raffinerie, Petrochemie, LNG | ASME B16.25-2022 (Enden) · B31.3-2022 §328.4 | 37,5° je Flanke (~75° eingeschl.) | US |
| ASME B31.1 Power Piping | Kraftwerk / Power | ASME B16.25-2022 · B31.1-2022 | 37,5° je Flanke | US |
| API 1104 B31.4 / B31.8 | Fernleitungen / Pipelines | API 1104 (22. Ausg. 2021); EU-Gas EN 12732 / EN 1594 | i. d. R. 30°–37,5° je Flanke | EUUS |
| NORSOK / DNV | Offshore (Nordsee) | NORSOK M-101 (+ ASME/API) | je Projektspezifikation | US |
2 · Fugenform nach Wandstärke & Zugänglichkeit (EN ISO 9692-1)
Erste Weiche: einseitig (nur von außen zugänglich – der Regelfall am Rohr) oder
beidseitig schweißbar (Zugang innen & außen)? Danach entscheidet die Wandstärke
t. Die Maße sind Normbereiche (Erfahrungswerte) – der genaue Wert steht in der WPS.
Alle Angaben ohne Gewähr – die Maße sind Normbereiche/Erfahrungswerte. Die Welding Procedure Specification (WPS) hat immer Vorrang.
Einseitig geschweißt (Tabelle 1) – der Regelfall am Rohr
| Fugenform | Skizze | Wandstärke t | Winkel | Spalt b | Steg c | Praktiker-Hinweis |
|---|---|---|---|---|---|---|
1.2 I-Fugesquare butt |
≤ 3–4 mm (bis 8 MAG) | – | b ≈ t | – | Dünnwandig; keine Fase, nur trennen & entgraten. | |
1.3 V-Fugesingle-V |
3 – 10 (12) mm | α 40–60° | ≤ 4 mm | ≤ 2 mm | Der Standard am Rohr. Von außen komplett schweißbar. | |
1.5 Y-FugeV mit Steg |
5 – 40 mm | α ≥ 60° | 1–4 mm | 2–4 mm | Steg > 2 mm sichert Wurzel; gut für Handschweißen. | |
1.6 U-Fuge auf V-WurzelU on V root |
> 12 mm | α 60–90° / β 16–24° | 1–3 mm | ≥ 4 mm | Dickwandig, weniger Schweißgut als V; sichere Wurzel. Umgangssprachlich als „Tulpe“ bekannt. | |
1.7 V-Fuge auf V-WurzelV on V root |
> 12 mm | α 60–90° / β 20–30° | 2–4 mm | > 2 mm | Kombiniert V-Zugang mit definierter V-Wurzel; für dicke Wände. | |
1.8 U-Fugesingle-U |
> 12 mm | β 16–24° | 1–3 mm | ≤ 4 mm | Reine U-Fuge; minimales Schweißgut bei sehr dicker Wand. | |
1.4 Steilflanken-Vnarrow-gap V |
> 16 mm | β 10–40° | 5–15 mm | – | Nur mit Badsicherung; sparsame Nahtfüllung. | |
1.9 HV-Fugesingle-bevel |
3 – 10 mm | β 35–60° | 2–4 mm | 1–2 mm | Ein Teil gefast (T-/Abzweig- und Stutzennähte). |
Beidseitig geschweißt (Tabelle 2) – bei Innen- & Außenzugang / dicke Wand
| Fugenform | Skizze | Wandstärke t | Winkel | Spalt b | Steg c | Praktiker-Hinweis |
|---|---|---|---|---|---|---|
2.1 I-Fugesquare, 2-seitig |
≤ 8 mm | – | 0–3 mm | – | Beidseitige Decklage, ohne Fase. | |
2.5 Doppel-V (X)double-V |
> 10 mm | α 40–60° | 1–3 mm | ≥ 2 mm | Weniger Verzug & Füllvolumen als einseitige V bei dicker Wand. | |
2.4 Doppel-Ydouble-Y |
> 10 mm | α 40–60° | 1–4 mm | 2–6 mm | X mit Steg – robuste Wurzel, beidseitig. | |
2.9 Doppel-HV (K)double-bevel |
> 10 mm | β 35–60° | 1–4 mm | ≤ 2 mm | Ein Teil beidseitig gefast (dicke T-Stöße). | |
2.7 Doppel-Udouble-U |
≥ 30 mm | β 16–24° | 1–3 mm | ≥ 3 mm | Sehr dicke Wand: minimales Schweißgut, teuerste Vorbereitung. |
3 · International: ASME B16.25 (Öl&Gas / weltweit)
Wechselt der Bauleiter auf ein ASME-geprägtes Projekt (Raffinerie, Pipeline, Offshore – auch in Europa), gilt für die Rohrenden ASME B16.25 (referenziert in B31.3/B31.1). Wichtigster Unterschied zur EN: Der Winkel wird je Flanke ab der Senkrechten gemessen.
Standard-Fase 37,5°
Compound-Fase
U-/J-Fase
| Merkmal | EN ISO 9692-1 (Europa) | ASME B16.25 (international) |
|---|---|---|
| Winkelangabe | α = eingeschlossener Öffnungswinkel (V: 40–60°) | 37,5° je Flanke ab Senkrechter → ~75° eingeschlossen |
| Steg / Root face | c 1–4 mm (formabhängig) | ≈ 1,6 mm (±0,8) |
| Übergang dicke Wand | U-/Doppel-U-, Steilflanken-Fuge | Compound-Fase / J-Bevel ab 22,2 mm |
| Praxisfolge | schmalerer V → weniger Lagen/Schweißgut | breiterer 75°-V → mehr Schweißgut, mehr Lagen |
| Typischer Einsatz | Industrie-/Anlagenbau in EU | Öl&Gas, Petrochemie, Pipeline, Offshore weltweit |
Werkstoff – was ändert sich?
EN ISO 9692-1 gilt für alle Stahlsorten. Der Werkstoff bestimmt weniger die Fugen-Familie als die Feinheiten:
- Unlegierte / niedriglegierte Stähle: Normbereiche direkt anwendbar.
- Nichtrostende / hochlegierte Stähle: gleiche Formen, meist etwas größerer Öffnungswinkel für Zugang und wegen Wärmeeinbringung; oft WIG-Wurzel.
- Sehr dicke / hochfeste Wände: U- oder Steilflanken-/Narrow-Gap-Formen, um Schweißgut, Verzug und Eigenspannungen zu begrenzen.
4 · Ungleiche Wandstärken: Innenausdrehen & Außen-Abdrehen
Werden zwei Rohrstücke mit unterschiedlicher Wandstärke verbunden (z. B. Alt-/Neurohr oder Rohr an Armatur/Fitting), muss der Übergang angeglichen werden – sonst entstehen ein Bohrungsversatz (hi-lo), Strömungs-/Erosionsprobleme und Fehldeutungen bei der Durchstrahlungsprüfung. Regelbasis: ASME B16.25 und ASME B31.3 §328.4.3 (Bild 328.4.3); EN 13480 kennt sinngemäß gleiche Übergänge (Taper max. 30°).
Innenausdrehen (ID-Angleich am dickeren Rohr)
Direkt auslaufend
Gerade + auslaufend
Bohrungstaper 1:4
| Variante | Geometrie | Winkel / Länge | Einsatz |
|---|---|---|---|
| Direkt auslaufend | Taper unmittelbar ab Wurzel | ~15° (max. 30°) | Standard bei mäßigem Versatz; kurze Baulänge. |
| Gerade + auslaufend | zylindrischer Bund, dann Taper | Bund ~3×t, dann ~15° | Sanfterer Übergang, weniger Kerbwirkung; oft projektvorgegeben. |
| Bohrungstaper | durchgehende Kegelbohrung | max. 1:4 (~14°), ≥ 2×t | ASME-Alternative bei größerem ID-Unterschied. |
Außen-Abdrehen (OD-Angleich)
Unterscheiden sich die Außendurchmesser (bei gleicher Bohrung), wird der OD des dickeren Teils außen abgedreht; alternativ wird der Übergang über die Nahtüberhöhung/Decklage hergestellt. Steigung jeweils ≤ 30°.
Außentaper ≤ 30°
Nahtüberhöhung getapert
5 · Anfasen an ungetrennten Rohren: Stutzen, Abzweige & Sonden-Bohrungen
Wird ein Abzweig, Stutzen oder eine Mess-Sonde an ein ungetrenntes Rohr angebunden, muss in die Rohrwand eine Öffnung eingebracht und deren Kante angefast werden – auf einer doppelt gekrümmten „Sattel"-Fläche. Das ist nicht trivial: Der lokale Flankenwinkel ψ (Winkel zwischen Abzweig- und Grundrohrwand) ändert sich umlaufend – spitz an der „Zehe", ~90° an den Flanken, stumpf an der „Ferse". Damit muss auch die Fasengeometrie umlaufend nachgeführt werden.
Die drei Anbindungs-Varianten
Aufgesetzt (set-on)
Eingesetzt / durchgesteckt (set-in)
Mit Anschweißstutzen (olet)
Warum die Fase umlaufend wechselt: lokaler Flankenwinkel ψ
Nach AWS D1.1 wird die Vorbereitung entlang des Umfangs in Zonen nach dem lokalen Flankenwinkel ψ eingeteilt. Faustbild:
Zehe – spitz
Flanke – rechtwinklig
Ferse – stumpf
| Position am Umfang | Lokaler Flankenwinkel ψ | Vorbereitung (AWS D1.1) |
|---|---|---|
| Zehe / Krone (spitz) | klein (< 90°, bis ~30°) | Größerer Fasenwinkel, Wurzelzugang schaffen; bei sehr spitzem ψ ggf. kein Vollanschluss möglich. |
| Flanken (Seiten) | ≈ 90° | Standard-Fase (HV-ähnlich), Wurzel + Fülllagen von außen. |
| Ferse (stumpf) | groß (> 90°) | Kleinerer Fasenwinkel; Übergang zu (Teil-)Kehlnaht. |
Häufige Fragen
Welche Norm gilt für Rohrfasen in Europa?
Für die Fasengeometrie gilt europaweit EN ISO 9692-1 (national übernommen als DIN/BS/NF/UNI/UNE … – inhaltsgleich). In Öl & Gas, Petrochemie und Offshore wird – auch in Europa – häufig nach ASME B16.25 / B31.3 gefast. Maßgeblich ist die WPS des Projekts.
Welcher Fasenwinkel ist üblich?
Nach EN ISO 9692-1 hat die V-Fuge einen eingeschlossenen Öffnungswinkel von 40–60°. ASME B16.25 gibt 37,5° je Flanke an (zwei Enden ergeben ~75° eingeschlossen), Steg ≈ 1,6 mm. Die genauen Werte legt die Schweißanweisung (WPS) fest.
Wann wird bei unterschiedlicher Wandstärke innen ausgedreht?
Bei deutlichem Innenversatz bzw. Wanddickenverhältnis über etwa 1,5 : 1 (ASME B31.3 §328.4.3 / B16.25). Der Übergang erfolgt innen mit ca. 15° bzw. Kegel 1:4, außen mit maximal 30°.
Wie wird ein Stutzen an einem ungetrennten Rohr angefast?
Die Öffnung wird auf der gewölbten Sattelfläche profiliert; der Flankenwinkel ändert sich umlaufend (AWS D1.1, ASME B31.3 §328.5.4, EN 1708-1). HSOS fräst/fast das maschinell vor Ort – kalt und maßhaltig.
Kann HSOS Rohre vor Ort trennen und anfasen?
Ja. HSOS trennt, fast und bearbeitet Rohre mobil und kalt vor Ort (keine Zündquelle, keine Gefügeveränderung) – nach dem geforderten Regelwerk (EN oder ASME) und der Kunden-WPS.
